SchnittTagebuch

Ruckelnde Zeitlupe flüssig machen mit Optical Flow in Final Cut Pro

Ruckelnde Zeitlupe sieht aus wie ein altes Daumenkino mit fehlenden Seiten, Zeitlupe mit Optical Flow sieht aus wie echtes Kino-Material – aber nur, wenn man ihr die Zeit lässt, fertig zu rechnen. Genau an diesem Unterschied scheitern hier im Videoschnitt-Tagebuch ständig Leserinnen und Leser in den Kommentaren: Optical Flow wird eingeschaltet, es ruckelt in der Vorschau trotzdem noch, und dann heißt es, der Zeitlupe-Effekt würde bei einem selbst einfach nicht funktionieren. Das größte Missverständnis bei diesem FCP-Grundlagen-Thema. Und ich klicke heute Abend selbst wieder zu ungeduldig in die Timeline, obwohl ich es längst besser wissen sollte.

Draußen über dem Hinterhof ist es schon dunkel, Sonntagabend, und eigentlich wollte ich nur noch schnell das Islandvideo exportieren. Neben mir brummt der Mac mini auf seinem kleinen Holzklotz, der ihn gerade so hoch stellt, dass ich hinten noch an die Anschlüsse komme. Ramona hat mir heute Morgen wieder ungefragt einen Link geschickt, dieses Mal zu einem Reel mit traumhaft weicher Zeitlupe von galoppierenden Islandpferden, und natürlich wollte ich sofort wissen, ob meine eigene Aufnahme das auch kann.

Meine Pferde-Aufnahme lief ursprünglich mit vierundzwanzig Bildern pro Sekunde, der klassischen Kino-Bildfrequenz, weil ich beim Filmen schlicht vergessen hatte, auf eine höhere Rate umzuschalten. Halbiere ich das Tempo in der Timeline auf fünfzig Prozent, bleiben nur noch zwölf Bilder pro Sekunde übrig, und zwölf Bilder pro Sekunde sehen aus wie eine Diashow, nicht wie eine Bewegung.

Der Irrglaube: Ruckelt es noch, ist Optical Flow kaputt

Bevor ich das verstanden hatte, habe ich mir englische YouTube-Tutorials zu genau diesem Problem angeschaut. Die Theorie war identisch, nur sahen die Menüs bei denen komplett anders aus als bei mir – andere Reihenfolge, andere Beschriftung, und ich bin zwischen zwei Sprachen und zwei Programmoberflächen hin- und hergesprungen, ohne wirklich weiterzukommen. Okay, das war heute echt frustrierend.

Mit Cmd+R blende ich die Retiming-Leiste über dem Clip ein, und genau dieser Klick hat mich heute endlich zum richtigen Menü gebracht. Optical Flow liegt im selben Retiming-Menü wie die anderen Zeitlupen-Varianten, versteckt unter dem Punkt Videoqualität. Wähle ich es dort aus, passiert zunächst: nichts Gutes. Der Clip ruckelt in der Vorschau weiter, manchmal sogar schlimmer als vorher.

Menüpunkt Videoqualität mit Optical Flow für den Zeitlupe-Effekt in Final Cut Pro

Über dem Clip erscheint stattdessen eine gestrichelte Linie. Noch nicht fertig gerechnet. Final Cut vergleicht dafür im Hintergrund jedes einzelne Bildpaar und nutzt eine Form der Interpolation: Es rechnet aus, wo sich jedes Pixel in einem Zwischenbild befinden müsste, das ich nie gefilmt habe. Das dauert, und solange die Linie da ist, sagt die Vorschau überhaupt nichts über das fertige Ergebnis aus.

Gestrichelte Render-Linie über einem Clip in der Final Cut Pro Timeline, solange Optical Flow noch nicht fertig gerechnet hat

Beim allerersten vollständigen Export des Islandvideos ist mir aufgefallen, dass das kleine Fortschritts-Rad im Viewer plötzlich weg war – kein Drehen mehr, einfach das fertige Bild. Erst in diesem Moment, nicht eine Sekunde früher, lässt sich wirklich beurteilen, ob eine Zeitlupe trägt oder kippt.

Woran erkenne ich, ob ein Clip für Optical Flow überhaupt taugt?

Bei einer Aufnahme vom kleinen Geysir, der alle paar Minuten Wasser in die Luft schießt, kommt Optical Flow dagegen komplett ins Schwimmen. Die Fontäne löst sich in der Zeitlupe kurz auf, als würde sie zu Rauch werden, und an den Rändern verschwimmen die Umrisse der Leute, die davorstehen.

Mein Kriterium dafür ist inzwischen simpel: Gibt es viele überlappende Kanten oder sehr schnelle, unregelmäßige Bewegung – Wasser, Funken, wild winkende Hände –, nehme ich lieber Frame Blending oder reduziere die Zeitlupe von fünfzig auf etwa achtzig Prozent, statt mir künstliche Bilder erzeugen zu lassen, die am Ende mehr kaputtmachen als sie retten.

Iris hat neulich in den Kommentaren geschrieben, dass sie auf ihrem iMac kaum merkt, wann die gestrichelte Linie verschwindet, weil das bei ihr deutlich schneller geht als bei meinem gebrauchten Mac mini. Das Prinzip bleibt trotzdem exakt gleich, ihr fällt nur das Warten leichter.

Ich merke immer wieder, dass Reisevideos professionell bearbeiten bedeutet, genau solche Nuancen vor dem Export zu erkennen, statt danach enttäuscht zu sein.

Bevor ich überhaupt ans Rendern denke, sortiere ich die Islandclips deshalb erst mit Favoriten und Ablehnungen in Final Cut Pro vor, damit der Mac mini nicht auch noch Clips durchrechnet, die am Ende sowieso nicht ins Video kommen. Das hat mir heute Abend einiges an Wartezeit gespart.

Nach dem Rendern noch mal genau hinschauen

Fertig gerendert heißt aber nicht automatisch fehlerfrei. Sobald die gestrichelte Linie weg ist, schaue ich mir die Aufnahme in Vollbild an und achte gezielt auf die Kanten der sich bewegenden Objekte – genau dort, wo zwei Bewegungsrichtungen aufeinandertreffen, baut Optical Flow am ehesten Mist.

Sieht an diesen Stellen nichts verschwommen oder doppelt aus, bleibt der Clip drin. Gibt es auch nur eine einzige Stelle, an der etwas kurz schmilzt oder springt, probiere ich lieber eine andere Videoqualität-Einstellung, bevor ich den ganzen Export noch einmal starte.

Manchmal frage ich mich, warum ich mir diesen ganzen Aufwand mit Pixeln und Renderzeiten überhaupt antue, statt die Clips einfach herzugeben. Die Antwort steht in einem anderen Eintrag, warum ich als Selbständige meine Videos selbst schneide statt sie auszulagern, und sie hat sich bis heute Abend nicht geändert.

Für heute reicht mir das mit den Pixeln. Das Islandvideo exportiere ich jetzt so, wie es ist, Geysir-Wackler und alles, und schaue morgen mit frischen Augen noch mal drüber. Der Stapel Korrekturfahnen rechts vom Monitor wartet sowieso schon lange genug auf mich, und ein Manuskript hat wenigstens keine gestrichelte Linie, die mir sagt, dass es noch nicht fertig ist.

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