
Vierunddreißig Mal - so oft habe ich gestern Abend beim Farbkorrektur-Versuch in Final Cut Pro den kleinen Punkt im Schatten-Rad verschoben, bis ich aufgehört habe zu zählen und nur noch dagesessen habe. Vor mir das Portugal-Material vom Strand in Ericeira, aufgenommen im letzten Herbst - der Ozean sah aus wie ausgelaufenes Curry. Alles gelb. Giftig gelb.
Fehler in einem Manuskript erkenne ich sofort, ein Kommafehler, ein Anschlussfehler im Satzbau, schwupps, roter Stift, erledigt. Bei den vier bunten Kreisen in Final Cut Pro sitze ich seit einer Stunde und schiebe kleine Punkte hin und her, ohne zu wissen, ob ich näherkomme oder mich weiter verrenne. Der Mac mini thront wie immer auf seinem kleinen Holzklotz neben dem Laptop, stur wie eh und je, während der Ozean auf dem Bildschirm partout nicht blau werden will. Rechts vom Bildschirm stapeln sich wie jeden Abend ein paar ausgedruckte Notizen, die eigentlich längst abgeheftet gehören - heute bleiben sie liegen.
Warum wirken die vier Farbräder für Anfänger anfangs wie Blindflug?
Ein magischer Knopf wäre schön gewesen, so wie die Autokorrektur in Word, die zwar oft nervt, aber wenigstens grobe Schnitzer erkennt. Final Cut Pro hat zwar eine automatische Farbverbesserung, doch die hat das Portugal-Video heute Abend in ein lila-grünes Desaster verwandelt. Also doch Handarbeit, Wort für Wort, wie eine Rohübersetzung, die man glattziehen muss. Für eine Farbkorrektur-Anfängerin wie mich fühlt sich das nach sehr viel Handarbeit an. Die ganz große Einführung in die Farbkorrektur-Grundlagen hab ich mir schon in einem früheren Eintrag notiert, hier geht es nur noch um die vier Räder selbst.

Die Farbräder sind in vier Bereiche geteilt: Global, Schatten, Mitteltöne, Glanzlichter. Klingt logisch. Ohne Filmausbildung fühlt sich das trotzdem an, als würde man ein Flugzeug mit einer Pinzette steuern. Zieh ich den Punkt im Schatten-Rad Richtung Blau, wird alles Dunkle im Bild blauer, und gleichzeitig soll der Sand in den Mitteltönen warm bleiben. Zwei Baustellen gleichzeitig, die sich ständig gegenseitig ins Gehege kommen.
Gestern eine ganze Stunde an einem einzigen Clip verbracht, nur um am Ende festzustellen: Das Meer sieht jetzt aus wie radioaktiver Schleim. Okay, das war heute echt frustrierend. Kurz war ich drauf und dran, das ganze Projekt zu löschen und nur noch Texte zu korrigieren. Im Manuskript weiß ich, was ein Fehler ist. Im Video ist die Grenze zwischen künstlerischer Freiheit und technischem Totalschaden hauchdünn.
Irgendwann bin ich einfach rausgegangen, kurz die Bergmannstraße runter, um den Kopf freizubekommen, mit dem festen Vorsatz, heute Abend gar nichts mehr am Rechner zu machen. Zehn Minuten später saß ich natürlich doch wieder vor dem Monitor.
Scopes statt Bauchgefühl
Ramona, meine Freundin, die freiberuflich fotografiert, hat mir bei einem früheren Projekt ausgeholfen: Das Island-Video war fertig gedreht, ich kam mit dem Schnitt einfach nicht klar, also durfte sie ran. Farblich sah am Ende alles clean aus, technisch sauber, aber es fühlte sich nicht wie meins an. Zu glatt, zu fremd. Seitdem schneide ich alles selbst, auch wenn es länger dauert und öfter schiefgeht.
Nach den ersten paar Urlaubsprojekten dachte ich, ich hätte inzwischen ein Auge dafür. Ein Clip an einem regnerischen Nachmittag hat mich eines Besseren belehrt: stundenlang am Weißabgleich gesessen, die Augen brennen, und am Ende trotzdem schief. Objektive Korrekturzeichen mussten her, keine Bauchentscheidungen mehr.
Final Cut hat dafür die Scopes, vor allem die Parade-Anzeige hat seitdem einiges leichter gemacht. Sie zeigt Rot, Grün und Blau nebeneinander an. Liegen die Wellenformen bei einem weißen Hemd oder einer hellen Wolke nicht auf gleicher Höhe, ist ein Farbstich da. Wie das Abgleichen von Subjekt und Prädikat: Passt es nicht, holpert der Satz.

Die Scopes lügen nicht. Liegt die blaue Linie in der Parade-Anzeige spürbar tiefer als die rote, ist das Bild gelbstichig. Punkt. Kein Rätselraten mehr, kein Starren auf den Monitor und Hoffen, dass die Augen heute mitspielen.
So gehe ich Schatten, Mitteltöne und Glanzlichter durch
Der Reihe nach, fast wie bei einer Fahnenkorrektur: erst die Schatten, das Rad ganz links. Mit Cmd+6 öffne ich den Farb-Inspector, ohne jedes Mal durchs Menü zu klicken, das hat mir diese Woche eine Menge Nerven gespart. Die wichtigsten Tastenkürzel für Anfänger hab ich mir sowieso längst in einer eigenen Liste notiert, aber Cmd+6 ist inzwischen mein meistgenutztes. Ich suche mir eine Stelle im Bild, die eigentlich schwarz sein sollte, ein dunkler Fels am Strand oder der Schatten unter einem Café-Tisch, und schaue in der Parade, ob die Linien dort unten gleichmäßig liegen. Liegt Blau zu hoch, wandert der Regler im Schatten-Rad weg von Blau.
Dann die Glanzlichter, die hellen Stellen, Schaum auf den Wellen oder Wolken, gleiches Spiel. Es ist ein ständiges Austarieren, oft verschiebt die Korrektur der Schatten leise die Mitteltöne mit, ungefähr so, als würde man in einem Text ein Wort ändern und der ganze Absatz klingt plötzlich nicht mehr rhythmisch. Man muss Farben in Videos richtig anpassen eben Stück für Stück lernen, sonst zerstört eine Korrektur die nächste.
Das "Global"-Rad rühre ich inzwischen kaum noch an, wenn es um Farbstiche geht, zu grob, es verschiebt alles auf einmal. Selektiv arbeiten dauert länger, sieht am Ende aber weniger nach Filter aus und mehr nach echtem Film. Passend dazu habe ich neulich aufgeschrieben, wie ich Hauttöne in Final Cut Pro natürlich anpasse, denn nichts ruiniert ein Urlaubsgesicht schneller als ein Ton, der zwischen Karotte und Gespenst pendelt.

Nicht jeder Farbstich muss weg
Am Anfang sollte jedes Video technisch astrein sein, ein Weißabgleich, bei dem Weiß wirklich Weiß ist. Steril sah das aus, der Charakter vom Ort war komplett weg. Filme ich in Portugal bei Sonnenuntergang, darf das Licht ruhig gelb und warm bleiben, neutralisiere ich alles, sieht es aus wie im Zahnarzt-Wartezimmer.
Statt Farbstiche sofort zu neutralisieren, nutze ich sie inzwischen gezielt als Stimmungsmittel. Ein leichter Goldstich darf bleiben, wenn er zur Szene passt, korrigiert wird nur noch, was wirklich schmutzig wirkt, ein Grauschleier übers Meer muss weg, ein warmer Schimmer beim Abendessen darf bleiben. Wie bei einem Buch: ein paar Eigenheiten in der Sprache machen den Text erst lebendig, man darf ihn nicht zu Tode lektorieren.
Ungefähr sieben Wochen sind es mittlerweile, seit ich für diesen Videoschnitt-Tagebucheintrag wirklich ernsthaft mit den Farbrädern arbeite, keine Ahnung, ob das viel oder wenig ist für so ein Thema. Neulich hat meine Mitbewohnerin sich den fertigen Portugal-Clip angeschaut, kurz genickt bei dem Übergang vom Strand zum Café und dann einfach weitergescrollt, ohne zu fragen, ob ich das wirklich selbst hinbekommen habe.
Iris, die in den Kommentaren öfter von ihren eigenen Anfängen erzählt, hat neulich angemerkt, dass bei ihrem iMac die Farbräder eine Spur anders aussehen als bei meinem Mac mini, kleine Unterschiede, an die ich vorher nie gedacht hätte. Aufgeräumter Ton hilft mir inzwischen fast genauso beim Farbe-Feintuning wie ruhige Nerven: Ich habe neulich aufgeschrieben, warum ich Audio Rollen in Final Cut Pro für meine Tonspuren nutze, und seit die Timeline tonlich aufgeräumt ist, bleibt mehr Kopf für die Nuancen an den Rädern.
Farbstiche zu entfernen ist für mich inzwischen weniger Kampf und mehr Handwerk: erst die Scopes checken, dann erst den Rädern trauen, nie umgekehrt. Und wenn der Regler kurz davor ist, alles auf null zu drehen, lohnt sich die Frage, ob der Stich nicht eigentlich zur Stimmung gehört. Nicht jede Delle muss raus. Manche gehören zum Bild.
Sonntagabend. Regen an der Scheibe, Kaffee längst kalt. Zeit, diesen Eintrag für die Woche abzuschließen.